Stefan Schneider (54) analysiert als Fachspezialist verschiedene Daten der SBB. Im Laufe seines bisherigen Lebens musste er, der Perfektionist, lernen, die Ansprüche an sich selbst herunter zu schrauben, generell mehr Zeit einzuplanen und sich mit seiner Geschichte zu versöhnen.
Ich treffe Stefan am Hauptsitz der SBB in Bern-Wankdorf, Treffpunkt bei der «großen Uhr». Als Erstes begleite ich ihn zu einem Gebetstreffen von RailHope: In einem Büro treffen sich Christen, die bei der SBB arbeiten, um sich über Erlebtes auszutauschen und füreinander zu beten. «Es ist mir wichtig, zusammen mit Freunden für die SBB zu beten. Dadurch erhalte ich immer wieder einen anderen, wohlwollenden Blick auf Personen und Situationen», erklärt Stefan.
Anerkennung durch Leistung
Stefan wächst als jüngstes von sieben Kindern auf einem Bauernhof im Emmental (Kanton Bern) auf. Schon bald ist für ihn klar, dass er nur dann gut (genug) ist, wenn er viel leistet. Das lehrt ihn die harte Arbeit auf dem Bauernhof und der hohe Anspruch seines Vaters. Stefan verlangt schon früh viel von sich selbst, wodurch Angst entsteht, nicht zu genügen, und er Minderwertigkeitsgefühle entwickelt. Während seine drei Brüder einen Beruf erlernen, der mit der Landwirtschaft verbunden ist, wird Stefan ein «Bähnler». Er macht eine Lehre als Bahnbetriebsdisponent, in der er die Vielseitigkeit der Bahn auf verschiedenen Bahnhöfen im Fahrdienst, Stellwerk, am Schalter und im Güterverkehr kennenlernt. Später wechselt er in den Verkaufsbereich. Innerhalb kurzer Zeit ist er am Bahnhof Bern für 18 Mitarbeitende an den Schaltern verantwortlich. Er will seine Arbeit perfekt machen und überfordert sich durch seine (zu) hohen Ansprüche an sich selbst. Er schrammt geradeso an einem Burnout vorbei und kann in die finanzielle Führung (Controlling) wechseln.
Raus aus dem Hamsterrad
Auch in der neuen Aufgabe läuft Stefan bald wieder am Limit. Im Alter von 38 Jahren erkennt er definitiv, dass er Hilfe benötigt und läßt sich über längere Zeit von einem Coach begleiten. «Ich merkte, dass ich so nicht weiter machen konnte. Ich spürte das starke Verlangen, nicht mehr ständig getrieben zu sein, Zeit zu haben – aus meinem selbst gebauten Hamsterrad auszubrechen», schildert Stefan. Er lernt, innezuhalten, für eine Aufgabe mehr Zeit einzuplanen, nicht ständig produktiv zu sein und nicht immer Höchstleistungen vollbringen zu müssen – kurz: Gut ist gut genug! Der Coach fordert Stefan auf, ein Tier zu wählen, das für ihn symbolisch ist. Stefan entscheidet sich für den Löwen, der sich sehr viel Ruhe gönnt, um dann, wenn’s drauf ankommt, voll fokussiert und bereit zu sein, vollen Einsatz zu geben. Bis heute steht deshalb auf Stefans Schreibtisch ein Löwe aus Kunststoff, den ihm einer seiner Söhne geschenkt hat. Stefan geht seinem Perfektionismus auf den Grund und ist froh, dass er etliche Jahre zuvor darüber schon das Gespräch mit seinem Vater gesucht hat. «Es ist befreiend, dass ich mich mit meinem Vater vor seinem Tod versöhnen konnte», erzählt er. Stefan lernt auch, bewusster auf die Signale seines Körpers zu achten. Seit vielen Jahren leidet er unter Verspannung im Schulter-und Nackenbereich. Stefan sagt heute dazu: «Mein Körper meldet sich, wenn meine Seele überfordert ist.» Das ist der Moment, über Stefans Glauben zu reden.
Vom Müssen zum Dürfen
Stefan ist seit seiner Kindheit gläubig und schöpft Kraft aus Worten der Bibel. Er nennt als Beispiel die ersten zwei Verse aus Psalm 121: «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.» Stefan erlebt immer wieder, wie ihm solche Worte konkret helfen. Er erklärt es so: «Ich kann jederzeit auf die Hilfe und Unterstützung von Gott zählen, egal wie aussichtslos eine Situation gerade aussieht. Für mich heißt das aber nicht: Beten und weg ist der Berg. Vielmehr stelle ich mir Gottes Hilfe im Aufzeigen eines nächsten Schrittes oder einer nächsten Etappe vor.» Stefans Lernprozess, angestoßen durch das Coaching, hat auch seine Art des Glaubens verändert. Er hat wirklich verstanden, was er seit langem theoretisch wusste: «Bei Gott muss ich nicht, ich darf – das ist Gnade pur. Jesus hat durch seinen Tod am Kreuz den Zugang zum Herz Gottes frei gemacht und ich kann ohne Leistung vor ihn treten. «Dürfen» verkörpert für mich den Glauben, «müssen» die Religion.» So hat Stefan einen entspannteren Zugang zum Glauben und zum Leben allgemein gefunden. Natürlich muss er in seinem Job weiterhin Leistung erbringen, doch er fühlt sich nicht mehr getrieben, Bestleistung nach seiner viel zu hoch angesetzten Messlatte zu liefern. Es darf einfach gute Arbeit sein.

Achtsamer Umgang mit Zahlen, Daten und Fakten
Aktuell arbeitet Stefan als Fachspezialist Führungsinstrumente bei der SBB. Mit seinem Team analysiert er die Verkaufszahlen der Reisezentren und bereitet sie zur Optimierung auf. Er wertet Daten der Ticketautomaten, des Fundservices und die Leistungen für Barrierefreies Reisen aus und erstellt Berichte. Es geht auch darum, mit den Daten Grundlagen für Kostenoptimierungen bereitzustellen. Stefan weiß, wie wichtig in diesem Bereich Sorgfalt und Achtsamkeit sind. Weil er gerne mit Zahlen jongliert, ist er seit 2024 auch Kassier des Vereins RailHope Schweiz. Aufgrund seiner Lebenserfahrungen hat er sich gut überlegt, ob er sich dieses zusätzliche Amt zumuten darf. Ganz wichtig in solchen Entscheidungen ist für Stefan seine Frau Andrea.
Ehefrau, Freundin und Geliebte
3 in 1 – so beschreibt Stefan, wer Andrea für ihn ist! Zusammen durchs Leben gehen, leben und leben lassen, offen und ehrlich miteinander umgehen, vergeben und Vergebung empfangen. Das bedeutet Ehe für die beiden. Sie wohnen mit ihren zwei Söhnen in der Region Bern. Gerne wandern sie in den Bergen, erkunden die Umgebung auf dem Fahrrad und lassen sich im Sommer auf der Aare (Das ist ein Fluss) treiben. Die Familie ist für Stefan ein Ort, wo Fehler passieren dürfen, wo man einander vergibt und darauf aufbauend fröhlich vorwärts geht. Das klingt für mich nach Achtsamkeit.
Danke, Stefan, für die ganz persönlichen Einblicke in deine Lebensgeschichte!