RailPastor – mit zwei Ohren und einem Mund

Als Lokführer fährt Ueli Berger (64) auf vielen wunderschönen Strecken im Netz der SBB. Als Rail-Pastor kennt er die Sorgen und Ängste so mancher Mitarbeitenden, die sich ihm anvertrauen und denen er gerne zuhört. Als ≪Urgestein≫ der Vereinigung RailHope versucht er, Hoffnung in die Welt der Eisenbahnen zu bringen. Ueli Berger, herzlich willkommen zum Interview!

Ueli, wer bist du?

Nun, ich bin ein eher gelassener Mensch und lebe nach dem Motto: Es gibt immer eine Lösung. Ist die Lösung oder das Ziel in Sicht, kann ich überdurchschnittlich engagiert dran bleiben. Mir fällt es recht leicht, Brücken zu anderen Menschen zu bauen und auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Seit über 40 Jahren lebe ich dankbar meinen Bubentraum als Lokführer für die SBB. Seit 2008 habe ich eine Teilzeitstelle als RailPastor bei RailHope Schweiz. Ich bin glücklich mit Karin verheiratet. Wir haben drei wunderbare Kinder, die inzwischen erwachsen sind. In meiner Freizeit mache ich oft mit Kollegen Touren auf dem Mountainbike und reise gerne, besonders nach Skandinavien.

Du bist RailPastor: Was kann man sich unter diesem Begriff vorstellen?

RailHope hat diese Pastorenstelle geschaffen, um das Personal bei den Bahnen auf persönlich schwierigen Wegstrecken begleiten zu können. Wir nennen das Seelsorge, was für mich bedeutet: Für mein Gegenüber da sein, mir Zeit nehmen, aktiv zuhören, mich in die Person und ihre Situation hinein versetzen, tröstende Worte finden und, wenn es ewünscht wird, ein ermutigendes Gebet sprechen. So werde ich, im Idealfall, für Betroffene zum Begleiter und helfe mit, von der Talperspektive in die Panoramaperspektive zu gelangen. Als aktiver Lokführer habe ich den Vorteil, die Welt der Bahnen selbst gut zu kennen und bewege mich im gleichen Umfeld wie die Menschen, denen ich Unterstützung anbiete. Besonders wichtig ist mir das Zuhören; denn: Gott hat mir zwei Ohren jedoch nur einen Mund geschenkt …

Wer nimmt diesen Dienst in Anspruch?

Dieses Angebot nutzen oft Christen, aber immer wieder auch Menschen, die mit dem Glauben keine oder kaum Berührungspunkte haben. Manchmal entstehen die Kontakte durch die Lektüre unseres Magazins, durch Informationen in unseren Schaukästen, oft aber auch durch Hinweise anderer Mitarbeitenden, aufgrund welcher ich Betroffene ansprechen kann. Manche Kontakte ergeben sich auch spontan bei der Arbeit.

An welche Begegnung als RailPastor erinnerst du dich jetzt gerade?

Da fällt mir ein Kundenbegleiter mit muslimischem Hintergrund ein. Dieser sprach mich bei einer gemeinsamen Arbeitsunterbrechung auf meine, wie er sagte, «ansteckende Hoffnung» an. Ich sagte ihm, dass meine Hoffnung nicht in mir selbst, sondern im Evangelium von Jesus Christus begründet ist. Dann erklärte ich ihm, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, mit seinem irdischen Leben, seinem Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung vom Tod den Weg für eine Beziehung zu Gott frei gemacht hat. Der Kollege meinte darauf: «Sehr interessant. Kannst du mir das bitte nochmals erklären, damit ich es an andere weitergeben kann?» Er zückte sein Handy und nahm die Sätze, die ich wiederholte, auf. Seither treffen wir uns gelegentlich zum Essen und vertiefen den Austausch.

Bestimmt gibt es auch schwierige Begegnungen?

Ja, und zwar oft dann, wenn es um schwere Krankheiten geht, bei denen keine Besserung in Sicht ist oder um Beziehungen, die trotz guter Gespräche und Gebet zerbrechen. Das macht mich nachdenklich und ich muss mir dann vor Augen halten, dass ich auch als RailPastor nur bruchstückhaft erkennen kann und das große Ganze jeder Situation nur Gott sieht.

Bei RailHope hast du daneben noch andere Aufgaben

Ja, ich betreue das Netzwerk der lokalen Treffpunkte in der Schweiz, bin redaktionell mitverantwortlich für das RailHope-Magazin in Zusammenarbeit mit RailHope Deutschland und Österreich, habe den Vorsitz des Dachverbandes RailHope International mit jährlichen Treffen und organisiere jedes Jahr im Herbst die Freizeitwoche Fit & Fun.

Wie erlebst du als Lokführer und RailPastor das heutige Arbeitsklima?

Unter den «Eisenbahnern» besteht immer noch ein guter Zusammenhalt. Jedoch beobachte ich, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen ihre Pausen alleine anstatt gemeinsam im Personalzimmer verbringen. Zugleich muss unsere Arbeit immer minutiöser und effizienter erledigt werden. Pausen werden kürzer, Überzeiten länger. Es ist keine gesunde Entwicklung. Die Digitalisierung erleichtert manche Arbeitsabläufe, trägt aber eher nicht dazu bei, dass wir persönliche Kontakte pflegen. In diesem sich wandelnden Umfeld gilt für mich erst recht: Menschen bewusst wahrnehmen, innehalten, zuhören, Unterstützung anbieten.

Unser Thema lautet ≪Worte≫. Was bewirken Worte in deinem Dienst als Lokführer und RailPastor?

Ich betone gerne nochmals, dass ich in der Regel zuerst ausgiebig mit meinen zwei Ohren zuhöre, bevor ich mit meinem einen Mund Worte ausspreche … Ich versuche, meine Worte sorgfältig zu wählen. So, dass sie mein Gegenüber in seiner Situation versteht. Worte sollen in erster Linie ermutigend und hilfreich sein. So sind es auch Worte der Bibel, dem «Wort Gottes», in erster Linie. Jesus sagt in Matthäus 24, Vers 35:

«Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.»

Das sagt alles darüber aus, welche Kraft in Worten steckt. Ich denke bei den Worten von Jesus an seine Verheißungen, seine Zusagen, seine Ermutigungen – das ist es, was bleibt. In diesem Sinne erlebe ich auch bei meiner Arbeit, wie das sorgfältig gewählte Wort zum richtigen Zeitpunkt Hoffnung und Versöhnung bewirken kann.

Du wirst im Frühjahr in Pension gehen. Welchen Nutzen hat deine Tätigkeit als RailPastor einzelnen Menschen und deinem Arbeitgeber gebracht?

Ich konnte zahlreichen Arbeitskolleginnen und -kollegen in herausfordernden Situationen helfen, wieder Boden unter die Füße zu kriegen, sie ermutigen, sie stabilisieren und mithelfen, dass sie wieder Licht am Ende des Tunnels sehen. Selbstverständlich ist dieser Nutzen nicht messbar, doch viele positive Feedbacks, teilweise noch nach langer Zeit, sprechen für sich. Wenn es den einzelnen Mitarbeitenden gut geht, nützt das natürlich auch dem Unternehmen. Über zehn Jahre war ich auch regelmäßig als Nachbetreuer bei SBB Care im Einsatz. Dieser Betreuungsdienst steht dem Personal bei Ereignisfällen rund um die Uhr zur Verfügung.

Welche Geschichte aus der Bibel illustriert für dich deinen Einsatz als RailPastor?

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in der Bibel nachzulesen in Lukas 10, Verse 15 bis 37: Der Samariter schaut nicht weg, sondern hin. Er zeigt Empathie, nimmt sich Zeit, hört dem Verletzten zu, spricht mit ihm, kümmert sich um ihn, ist einfach für ihn, einen völlig Fremden, da. Zuletzt bringt er ihn in eine Herberge, wo andere sich weiter um ihn kümmern. Auf diese Weise habe ich versucht, für Betroffene da zu sein. Auch ich habe, wie der Samariter, oft weiter vermittelt, wo professionelle Hilfe angezeigt war. So praktisch ist die Bibel bis heute!

Ueli, du hast zum Schluss die Gelegenheit, der Leserschaft unseres Magazins eine persönliche Message weiter zu geben.

Dann gerne ein Zitat des Kirchenvaters Augustinus: Es gibt zwei Arten Gutes zu tun: Geben und Vergeben. Lass dein Leben von diesen beiden Tätigkeiten bestimmt sein. Das macht zufrieden und dankbar!

Herzlichen Dank fur dieses Gespräch, Ueli!

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