Meine Zeit steht in deinen Händen

«Meine Zeit steht in deinen Händen.» Dieser Satz aus der Bibel (Psalm 31,16) zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Raphael Hausammann (45). In allen bisherigen Zeitabschnitten hat er erlebt: Gott ist da und er schenkt tiefen Frieden. Raphael wollte schon immer Lokfuhrer werden, lernte zuerst Kaser, hat Theologie studiert, 17 Jahre als Missionar in Papua-Neuguinea gearbeitet und ist zurzeit als Kundenbegleiter in den SBB-Zügen der Schweiz unterwegs …

Ich treffe Raphael im Bahnhof Luzern. Er steigt gerade aus einem IC 2000 der SBB, seinem Lieblingszug, der aus Genf kommt. Als Zugchef übergibt er seinen Zug dem nächsten eam. Ich beobachte ihn dabei und spüre sofort: Heute werde ich eine spannende Persönlichkeit kennenlernen!

Kinder- und Jugendzeit

Raphael wächst mit seinen Eltern und vier Geschwistern in einem Dorf im Kanton Bern auf. Seine Familie ist gläubig und so begleiten Raphael Werte wie Ehrlichkeit, Wahrheit, Großzügigkeit und Gastfreundschaft seit seiner Kindheit. Die Hausammanns besuchen die Gottesdienste einer sehr traditionellen Freikirche. Aus diesem Grund wird Raphael in der Schule ausgegrenzt, geplagt und hin und wieder sogar verprügelt. Er erinnert sich genau: «Diese Erniedrigungen haben mich tief verletzt und auch geprägt. Leider habe ich meinen Frust oft an meinen Geschwistern ausgelassen.» Raphael fühlt sich in der christlichen Gemeinschaft trotzdem wohl, geht gerne in deren Freizeiten und begegnet Menschen, die ihm in seiner Jugendzeit bei Problemen helfen. Mit 15 Jahren trifft er eine erste Entscheidung für ein Leben mit Jesus und nennt sich seither ein Kind Gottes.

Zeit für den Beruf

In unmittelbarer Nähe einer Bahnlinie aufgewachsen, begeistert sich Raphael früh für Züge und möchte schon als Bub Lokführer werden. Da es dazu jedoch eine abgeschlossene Berufslehre braucht, erlernt er nach seinem Schulabschluss den Beruf des Käsers und stellt viel Emmentaler her. Danach klopft er bei der SBB an, die damals aber – ganz im Gegensatz zu heute – kaum neue Lokführer einstellt. Man rät ihm, berufsbegleitend die Handelsschule zu machen und es dann nochmals zu versuchen. Das tut Raphael, immer mit dem Ziel, dass es mit seinem Traumberuf doch noch klappt. «Doch Gottes Zeitplanung ist oft eine andere als unsere», schmunzelt Raphael. Denn genau in dieser Zeit trifft ihn bei seiner täglichen Bibellektüre der Vers aus Markus 16,15 ganz persönlich. Da heißt es: «Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet allen Menschen das Evangelium.» Raphael liest diesen Vers nicht zum ersten Mal, doch in diesem Moment weiß er: «Der gilt mir hier und jetzt!» Er lehnt sich zunächst innerlich auf gegen diesen klaren Ruf Gottes in den vollzeitlichen Dienst für ihn. Ein Jahr lang bleibt er stur, «aber es wurde anstrengend, denn Gott war noch sturer als ich», erzählt Raphael. Immer wieder steht ihm der Satz aus Markus 16 vor Augen und schließlich wächst in ihm der Entschluss, dass er Gott sein JA geben muss. Sofort tritt eine innere Entspannung ein und er wird von verschiedenen Menschen ermutigt, eine theologische Ausbildung zu machen. Nach abgeschlossenem Handelsdiplom besucht Raphael während zweieinhalb Jahren eine Bibelschule und in ihm reift die Gewissheit, was genau für ihn persönlich «hinaus in die ganze Welt» heißt: Auf nach Ozeanien, auf nach Papua-Neuguinea …

Zeit für die Menschen in Papua-Neuguinea (PNG)

Nach der Bibelschule lernt Raphael drei Monate lang Englisch in London. Dort läuft ihm seine heutige Ehefrau Margit über den Weg – Gottes perfektes Timing sozusagen. Zuerst noch ledig und alleine, ein Jahr später verheiratet mit Margit, beginnt das 17 Jahre dauernde Abenteuer PNG! Dort arbeiten die beiden im Dienste der Mission der GfC (Gemeinde für Christus), welche seit 1974 auf dieser Insel tätig ist und sich in der Schulbildung, der medizinischen Versorgung und der Gründung von christlichen Gemeinden engagiert. Zuerst leiten Raphael und Margit eine Druckerei, in der Schulmaterial und christliche Literatur gedruckt wird. Sie müssen sich an das tropische Klima und die Mentalität der Einheimischen gewöhnen. Ganz besonders der Umgang mit der Zeit ist für die Neuguineer völlig unschweizerisch. «Ihr habt Uhren, wir haben Zeit», lernt Raphael. Gelassenheit, Beziehung, Gemeinschaft – das sind hier die wichtigsten Werte. Trotz gegenteiliger medizinischer Prognose wird dem Ehepaar an Weihnachten 2009 eine gesunde Tochter geschenkt: «Das größte Weihnachtsgeschenk, das wir je erhielten», schwärmt Raphael. Später arbeitet Raphael in verschiedenen anderen Bereichen der GfC-Arbeit in PNG: Buchhaltung, Finanzen, Betreuung von Kirchgemeinden, Ausbildung von einheimischen Mitarbeitern.

Leidenszeit – Burnout

Was alle Jobs gemeinsam haben: Das Arbeitspensum ist hoch, Raphael maximal gewissenhaft und die Wochenarbeitszeit beträgt oft 60 Stunden. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Und so erleidet Raphael im letzten Jahr vor der Rückkehr in die Schweiz ein Burnout. Sein Rücken ist dauerhaft verspannt, er hat Schmerzen auf der Brust und er erträgt teilweise seine Familie nicht mehr. Sein Vertrauensarzt sagt ihm deutlich: «Du bist keine Maschine.» So muss Raphael schmerzlich erkennen: Auch im Einsatz für Gott kann weniger mehr sein. Er formuliert es heute so: «Meine Ambitionen waren oft rein irdisch, Gottes Ziele jedoch sind immer himmlisch. Ich verbrauchte zu viel Energie, um MEINE Arbeit perfekt zu machen und nahm mir zu wenig Zeit, um zu erkennen, was GOTTES Ziele sind.» Raphael schafft es, in seinem letzten Jahr kürzer zu treten. Er kehrt mit seiner Familie 2022 zurück in die Schweiz, damit seine Tochter hier ihren Schulabschluss machen und eine Berufsausbildung beginnen kann.

Zeit für die SBB!

Noch von PNG aus bewirbt sich Raphael erneut für seinen Lokführer-Bubentraum und erhält eine Absage. Dafür kann er die Ausbildung zum Kundenbegleiter beginnen, was ihn ebenfalls begeistert. In Luzern wohnend arbeitet er seither fast in der ganzen Schweiz auf den Strecken der SBB. Nebenher betreut er zusammen mit Margit das Gebäude einer GfC-Gemeinde. Er, der schon als Kind mit seinem Vater an einer Modelleisenbahnanlage bastelte, darf nun seine Fahrgäste nach Bern, Basel, Genf und andere schöne Orte begleiten. «Ich bin gerne unterwegs, mag den Kontakt zu den Menschen und auch das Technische bereitet mir Freude », sagt Raphael. Täglich liest er vor der Arbeit, auch wenn sie um 4 Uhr beginnt, einen Abschnitt aus der Bibel und betet. Er erklärt: Ich weiß, dass Jesus an jedem Tag auf dem Zug, in jedem Kundengespräch, in jeder heiklen Situation bei mir ist. Das gibt mir Gelassenheit.» Er kann und will niemanden bekehren, bezeichnet aber das Gebet als nicht zu unterschätzende Kraft, die er ganz konkret erlebt: «Für mich gibt es nichts Schöneres, als wenn ein Arbeitskollege, für den ich bete, plötzlich zu mir kommt und über den Glauben reden will!»

Meine Zeit steht in deinen Händen

Diese Gewissheit hat Raphael jederzeit. Im Moment ist sein Platz hier. Er ist gespannt, wie Gott ihn weiter führt. Er hat gelernt: Gott hat Zeit und seine Zeitplanung muss unserer nicht entsprechen. Entscheidend ist für Raphael, verstanden zu haben, was die Bibel in Römer 3,24 sagt:

«Was sich keiner verdienen kann, schenkt uns Gott in seiner Güte: Er nimmt uns an, weil Jesus Christus uns erlöst hat.»

Gott hat himmlische Ziele. Er will uns auf dieser Erde für die Ewigkeit mit ihm vorbereiten. Raphael sagt: «Gott will in mir wirken und das ist es, was Ewigkeitswert hat.» Ich spüre: Gerne würde Raphael später nochmals in den vollzeitlichen Dienst für Gott eintreten und dem Ruf Gottes, den er als junger Mann so deutlich gehört hat, folgen. Doch so, wie ich ihn heute erlebt habe, tut Raphael dies ja eigentlich auch hier und jetzt, als Kundenbegleiter bei der SBB. – Wie cool ist das denn, einen solchen Arbeitskollegen zu haben?

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