
RailHope im Gespräch
mit Kolleginnen und Kollegen.
Marco Sutter
Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht …
Wie kann man verhindern, angesichts von Bitterkeiten im Leben selber zum verbitterten Menschen zu werden? Der Basler Chef Kundenbegleiter SBB Marco Suter, 55, hat die bitteren Erfahrungen von Kindstod und Scheidung erlebt. Und seine zweite Ehefrau Carla, 57, hat zwei Hirnblutungen in ihrem Leben durchgestanden, die letzte m Jahr 2024. Trotzdem sind die beiden alles andere als verbitterte Menschen. Die Kraft dazu ziehen sie aus ihrem ganz persönlich erlebten Glauben an Gott.
Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht: Gegen Ende des Jahres 2006 erkrankte Fabio, der sechsjährige Sohn von Marco Suter, an Krebs. Die Nieren! Die Ärzte schätzten die Überlebenschance auf gerade mal 30 Prozent. Nach zahlreichen (Chemo-)Therapien, Tränen, Gebeten, nach Hoffen und Bangen trat im Jahr 2008 das Schlimmste ein, was Eltern passieren kann: Fabio starb. Mit nur acht Jahren. Zurück blieben seine sechsjährige Schwester sowie Marco und seine Ehefrau. Und dann folgte das, wovon man in ähnlichen Geschichten oft hört: Auch die Ehe von Marco und seiner damaligen Frau zerbrach. Es folgten die Trennung im Jahr 2009 und die Scheidung im Jahr 2011.
«Ist ihr Haus rollstuhlgerecht?»
Bereits in den Neunzigerjahren hatte Carla Suter, Marcos zweite Ehefrau, ein ähnliches Erlebnis gehabt. Und nun kam es nochmals – mit großer Wucht im Januar 2024: Hirnblutung! Plötzlich war sie teilweise gelähmt, ihr Arm verlor sich anfangs in unkontrollierten Bewegungen, bis er leblos am Körper hing. Eine Gesichtshälfte und die Beine hatten massive Aussetzer. Sie hatte viele Schmerzen, war voll von Medikamenten. Bereits zum zweiten Mal hing ihr Leben an einem seidenen Faden. Es kam die Frage auf: «Ist Ihr Haus rollstuhlgängig?» Die Ärzte waren in ihren Prognosen sehr vorsichtig. Nach Gebeten konnte Carla die Schulter heben, einen Tag danach die Finger bewegen, bevor mit der eigentlichen Behandlung begonnen werden konnte.
Der Glaube als großes Geschenk
Wie kann man verhindern, dass aus solch bitteren Erlebnissen Bitterkeit und Verbitterung wird? Für Carla und Marco Suter erwies es sich als großes Geschenk, dass sie in all den Tiefschlägen einen tiefen Glauben an einen für sie erfahrbaren Gott hatten. Für Marco ist im Rückblick angesichts der Krankheitsgeschichte seines Sohnes und dessen Verlustes klar: «Gott hat mich begleitet in meinem tiefsten Leid, dem Verlust meines Kindes. Ich wurde in dieser Zeit mit Gottes Liebe getröstet, ermutigt und gestärkt, so dass ich überhaupt fähig war, meine Rolle als Vater und Ehemann auszufüllen und voranzugehen – trotz aller Schwierigkeiten.» Er habe, so Marco, nie irgendein Gefühl gehabt, dass Gott fern von ihm gewesen wäre oder ihn habe hängen lassen.
Ein entscheidender Schritt
Trotz allen Gottvertrauens: Marco Suter und seine damalige Frau wurden von
der Krebsdiagnose für ihren Sohn so richtig durchgeschüttelt. Da machte sich anfangs Ohnmacht breit. Marco unternahm einen bewussten Schritt. Am gleichen Abend stand er alleine auf seinem Balkon, schaute in die Dunkelheit hinauf und machte folgendes mit Gott fest: «Egal, wie stark der Sturm wütet, egal wie viele Fenster und Türen zu Bruch gehen, ich stehe auf deiner Seite, denn du bist ein guter Gott.» Der schwer geprüfte Vater entschied sich ganz bewusst für diese Grundlage des biblischen Glaubens. Er hielt daran fest, auf Gott zu vertrauen. Trotz wiederkehrender Ängste um den leidenden Sohn hatte er die Erfahrung gemacht: «Wenn ich Gott mit ehrlichem Herzen suche, dann passiert etwas Wunderbares.
» In früheren Jahren hatte er dies bei einer privaten Zugfahrt in einer Notlage erlebt, als ihm sein Leben zu entgleiten drohte: die Hinwendung zu Gott und seine Bekehrung als ein ganz persönlicher Akt. Ab jenem Moment war der Glaube an einen großen und erfahrbaren Gott ständiger Begleiter von Marco Suter. «Vor meiner Hinwendung zu Gott war ich ein stolzer, selbstgerechter und nachtragender Mensch, konnte nichts Negatives vergessen. Früher hatte ich das Bedürfnis, Menschen herabzusetzen, mich selber groß zu machen und andere klein. Wenn du aber bedingungslos von Gott geliebt bist, wenn du diese Liebe erfahren hast, verändert es dein Herz. Jegliches Verlangen erlischt, andere niederzumachen.»
Der endgültige Abschied
Trotz aller Hoffnung auf Gott: Für den kleinen Fabio gab es kein Happy End. Die Eltern mussten den schweren Weg des Sterbeprozesses mit ihrem Sohn gehen. Eines Tages, Fabio atmete schwer, trat Marco in sein Zimmer. Zuvor hatte man nicht übers Sterben geredet, «nur über das Leben», sagt der Vater im Rückblick. Jetzt aber war der Moment da. Und Marco Suter sagte zu seinem Sohn: «Fabio, wenn du möchtest, darfst du nun zu deinem himmlischen Vater gehen. Egal wie du dich entscheidest: Wir lieben dich.» Fabio lächelte dabei. Es kam nun auch die Mutter, und Marco sagte zu ihr: «Lass’ ihn los, lass’ ihn gehen.» Es folgte einer der schwersten Momente für Marco Suter: «Ich hielt es fast nicht aus, als mein toter Sohn dann abgeholt wurde.» Trotz allem: Gott war da Heute wäre Fabio 25 Jahre alt. Der Tod eines Kindes hat für die Eltern nicht vorhersehbare Folgen. Die Ehe der Eltern von Fabio scheiterte. Trotz all des Schweren bleibt für Marco Suter im Rückblick aber vor allem dieses Fazit: «Gott ist immer vertrauenswürdig, egal in welcher Situation.» Selbst beim Sterben seines Sohnes spürte Marco Gott an seiner Seite: «Der Raum war gefüllt mit Gottes Gegenwart, selbst die Mutter, die nicht gläubig war, erlebte dies genau so.» Und später hat Marco, der gebürtige Berner, mit Carla, der gebürtigen Zürcher-Italienerin, ein neues Eheglück gefunden.
Wenn Beten hilft
Ein Berner, der ehrliche und direkte Kommunikation liebt, mit einer Zürcher-Italienerin – das ist eine temperamentvolle, impulsive, wortreiche, humorvolle, offene Kombination. Da gibt es sowohl viel zu lachen wie auch viel zu diskutieren. Und wenn die beiden auf ihre Geschichten zurückblicken, auf die Schwierigkeiten und die dabei erlebte heilsame Gegenwart Gottes, dann fließen auch mal die Tränen. Carla Suter hatte, noch ganz frisch im Glauben an Gott, in den Neunzigerjahren ihre erste Hirnblutung. Mehrere Tage lag sie im Koma. Während drei Monaten im Spital wuchs bei ihr die Gewissheit: «Gott ist da, auch in meiner Ohnmacht. » Und dann kam, Anfang 2024, wieder diese Diagnose: Hirnblutung. Rollstuhl. Starke Kopfschmerzen. Viele Medikamente. Carla kam in die Reha nach Rheinfelden. In ihrer Kirche wurde gebetet für sie. Faszinierend für sie: Unmittelbar nach dem Gebet in der Kirche waren ihre anhaltenden Kopfschmerzen wie weggeblasen. Und sie konnte den Rollstuhl verlassen und war mit Unterbrechungen 45 Minuten zu Fuß unterwegs – und das, bevor die Reha begann. Rückkehr ins Leben Nach und nach ging es aufwärts mit Carlas Gesundheit. Die Fortschritte in der Therapie waren unerwartet groß. Statt sechs Monaten Reha konnte Carla die Reha nach drei Wochen verlassen. «Ich hatte», so Carla Suter, «immer diese Gewissheit und den Glauben in meinem Herzen: ich werde wieder arbeiten gehen, ich werde wieder Querflöte spielen können. Dies kam aus meiner Zuversicht zu Gott.» Genau so kam es auch. Ab März 2024 konnte Carla ihre Arbeit stufenweise als Kundenberaterin bei einer Bank wieder bis hundert Prozent aufnehmen. Und das Musizieren mit der
Querflöte funktioniert auch wieder.
Autor: Urs Scherrer, Lokführer SBB in Zürich.
Das Interview führte Urs Scherrer